Gedicht des Tages

Szanislaw Wygodzki - Das Fenster ( zur Erinnerung an das unsagbare Geschehen der Reichsprogromnacht)

DAS FENSTER

Irgendwo ein Haus, ein Fenster und dahinter
ein Vorhang, zitternd, halb herabgerissen,
ein Schatten auf der gegenüberliegenden Wand,
und tote, hartnäckige Stille.

Der Schatten aber wie der Vorhang schwankt,
vom Wind in nebliger Dämmerung bewegt,
und wartet in der Stille bis zum Morgen
meines ungeschriebenen Briefes.

Niemandes Hand, niemandes Mund,
den Vorhang rissen Fremde nieder.
Hartnäckige Stille, leere Stube
und sonst nichts mehr.

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Marianne Pumb - Katzrnjammer (Gedicht des Tages)

 

Pumb, Marianne: Die Liebe scheint wirrich

 

Kammerjammer

Mir ist so jammer
jämmerlich
geh in die Kammer
kämme mich

Herz gebrochen
Kochen entwichen
Schönheit ist schon
lange verblichen

Haare struppig
Freude verdorrt
ich will aus meinem
Leben fort

Bin schon kläglich
schwach, knitterlich
will nicht werden
noch bitterlich

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Jenny Schon - Für George Grosz (Gedicht des Tages)

Für George Grosz

Solang ich lebe
Leide ich
Auch Leidenschaften
Sind lästig
Wenn ich mich betrachte
Sehe ich Abgründe
Den Sternen wäre ich nah
Sehr gern
Die Höhen möchte ich schon
Erklimmen
Mit den Zugvögeln ziehn
An den Strömen
Die Kontinente wechseln
Und meinen Horizont sehen

Dann weiß ich
Ich lebte
Ohne zu leiden
Ohne lästig zu sein
Den anderen eine

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Safinaz Hallioglu - Auge der Zuneigung (Gedicht des Tages)

 

Auge der Zuneigung

Das Auge der Zuneigung entfernte ich eines Tages
Um ohne Hilfe die Umgebung zu schauen
Die Farben verzerrten sich, gesichtslos die Gesichter
Liebe verachtet, Güte umgekippt

Nachtigallen ohne Zunge, Mütter herzlos
Bäume ohne Ast blätterlos sah ich
Freunde, Verwandte, leiden konnte ich nicht mehr
Alle als meine Feinde empfand ich

Der Himmel auf Erden zur Hölle werdend
Was Mitleid heißt, wusste ich nicht mehr
Ekelte mich vor allem, was ich sah
Auch hören wollte ich nichts mehr

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Luisa Maureen Chilinski - James Mortis (Gedicht des Tages)

James Mortis

Schweißnassgebadet aufgewacht,
erneut geträumt, erneut gestorben:
James Mortis fällt, sein Kopf schlägt auf,
als schwarzer Regen ihn bedeckt.

Jeden Morgen, jeden Abend
tief verloren, Soldat James Mortis,
wenn seine Kellertür sich schließt.

Ach, wie war der Tag noch damals,
als Feuer fern und Leid ihm fremd.
Menschen sich zufrieden liebten,
Vergnügen spät erkannten Werts.

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