Gedicht des Tages

Brigitte Spreitzer - Ein Sturmstoß (Gedicht des Tages)

Ein Sturmstoß aus Nichts
lockert jäh mir den Griff
Die Hände
andrem unterstellt
als meinem Wollen
lassen los, stumm erschreckend los
Etwas
ganz anders als Denken
ganz anders
gewahrt mein Verlorensein
Versteht es in stummem Erschrecken
sich an Nichts zu halten
Weiß es ganz
Spiraliges Nebeln
in Abgrund und Grund
ganz anders als Fühlen
ganz anders
erkennt mich substanzlos Sein.

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Safinaz Hallioglu - Die Konferenz (Gedicht des Tages)

Die Konferenz

Mein Krebs und ich
Trafen uns am Konferenztisch
Um zu verhandeln
Wir zählten beide auf
Was bereits wem gehört

Dem Krebs gehörten
Eine Lunge, Leber, Darm, der ganze Bauch
Eierstöcke, eine Brust sowıeso
Die Wirbelsäule als Ganzes
Und der Knochen viele
Dazu dein Leben
Sagte mein Krebs mir

Mir gehörten nur noch
Arme, Beine, Gehirn, Herz
Und meine Seele

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Kurt Ismer - Wie hinter Nachtgärten (Gedicht des Tages)

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Knut Ismer

Wie hinter Nachtgärten

Wenn nachts die Autos
in den Alleen schlafen,
geh’n unsre Seelen
im Traum spazieren.

Die Nachtlaternen leuchten
ihr mildes Licht ins Dunkel,
erhellen nur den Dieben
den Blick in bess’re Zeiten,
derweil die Schwärmer
ihren Leuchtturm preisen.

Die zugeschneiten Rosen
betören ihre Gäste
noch in Erinnerung,
die stillen Partys geh’n
am weiten Schienenstrang
den gleichen Weg zum Ziel.
 

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Thi Quynh Anh Nguyen - Der kahle Karl (Gedicht des Tages)

- gesprochen von der Autorin -

Einst lebte ein armer kahler Karl.
Kahl, weil er keine Haare hatte.
Arm, weil er noch jung war.
Der arme kahle Karl konnte nichts dafür.
Er war kahl. Der Arme.
Der kahle Karl war ein ganz komischer Junge.
Er spielte weder mit den anderen Kindern
Noch mit den anderen kahlen Karls,
Den alten kahlen Karls.
Karl war komisch.
Karl war kahl.
Karl blieb immer zu Hause.
Auch da spielte er nicht.

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Çağlayan, Gülay : Gedankenverfall (Gedicht des Tages)

Gedankenverfall


Stille ...
Stille, die so laut ist,
Als würde sie in meinem Kopf dröhnen.
Es ist nicht diese besondere Art der Ruhe,
Sondern das Ungewisse.
Das, was mich dazu verleitet, Fragen zu stellen.
Fragen der besonderen Art.
Was bin ich?
Wer bin ich?
Wer kann ich sein?
Wo komme ich her?
Wo gehe ich hin?
Spielt es denn eine wirkliche Rolle?
Jeder weiß, wie es war, doch keiner weiß, wie es wird.
So viele Dinge sind unserem Einfluss entzogen.

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Ursula Fricke: Der Clown (Gedicht des Tages)

In Erinnerung an unsere verstorbene Autorin Ursula Fricke ihr Gedicht: Der Clown


 

DER CLOWN

Einmal muss die Welt sich drehn –
ich wär’ ein Clown … ja, das wär’ schön!
Und weil die immer lustig sind,
wär’ auch ich ein fröhlich Kind:

hüpfen, springen und auch lachen,
wirklich dummes Zeug mal machen,
und kein großer Bruder haut,
keiner schreit: „Sei nicht so laut!“

Keiner boxt mir in den Magen,
ich kann das so schlecht vertragen,
wenn es auch nicht so gemeint,
manchmal hab’ ich schon geweint!

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