Gedicht des Tages

Dieter Wöhrle - Äter werden, aber richtig

Älter werden, aber richtig

Er blickte in den Spiegel und erschrak.
Das weiße Haar, das Doppelkinn, die Falten
belehrten ihn und ließen rasch erkalten,
was noch an Eigenliebe in ihm lag.

Im Innern trug er noch von sich das Bild
des Jünglings, der er war in all den Jahren:
ein Trugbild. Er sah’s nicht nur an den Haaren.
Doch fand er seinen Blick noch immer mild.

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Doris Egger - Ich denke, ich will

ich denke ich will

verdammt
ich wollte doch nur
was wollte ich
ich weiß es nicht
alles ist so dunkel im licht

verdammt
ich dachte doch nur
was dachte ich
ich weiß es nicht
alles ist so nah
und entschwindet aus meiner sicht

verdammt
ich lebe doch nur
will ich
denke ich
und darf nicht
darf nicht?

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Wolfgang Bullerdiek - Lärm verstummt (Gedicht des Tages am 9. Mai)

Lärm verstummt

Lärm verstummt
im Raum,
im Haus
und überall.

Das Geschrei,
so laut,
damit wir
nicht mehr
fragen
und
sagen,
was sie
hören wollen.

Was denn
bewegt dich
und lässt dich
so zurück,
ohne Glück:

Diese laute Leere,
ist sie nicht längst
schon in dir?

Graben musst du
lange und tief
in dir und deinen
abgelegten Schichten.

Bis Stille ist
in dir
und um dich
herum.

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Dieter Wöhrle: Der Traum vom Leben auf dem Lande (Gedicht des Tages am 3. Mai)

Der Traum vom Leben auf dem Lande

Sich zu entspannen, fiel ihm heute schwer:
Der Baulärm vorm Café war bestialisch,
und infernalisch war auch der Verkehr,
dagegen half der Rotwein selbst nicht mehr.
Veränderung tat not, und zwar postalisch.

Schon träumte er vom hügeligen Land,
vom Duft der Wiesen, sattem Grün, von Ruhe,
vom Blick auf eine stolze Felsenwand,
von Burgen, die er baut’ im Dünensand,
davon, im Watt zu waten ohne Schuhe.

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Manfred Klinkebiel (Jopapa) Beziehungsweise (gedicht des Tages am 2. Mai 2011)

Beziehungsweise

Neulich
landete ich
ziemlich verschossen
im siebten Himmel
bzw.
knallte es
wieder einmal
ziemlich laut
über den Wolken
als ich
beziehungsweise
ziemlich schnell
deine Schallmauer
durchbrach

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Dieter Wöhrle: Dolce Vita in Moabit (gelesen vom Autor) Gedicht des Tages am 1. Mai 2011

Dolce Vita in Moabit

Hotte lebt von Erbsensuppe,
Bier und Schnaps, dazu ne Fluppe,
kennt hier jede Imbissbude.
Doch erst kürzlich zeigt’ ihm Trude
diesen Schickimicki-Laden.
Hotte denkt, es könnt nicht schaden,
Trudchen mal groß auszuführen,
um die Zuneigung zu schüren

und der Dame so zu zeigen,
dass er spielt auf allen Geigen.
In das Edelristorante
führt er sie, wo der galante
Kellner ihnen bringt die Karte.
Hotte ignoriert die Schwarte.
Um der Frau zu imponieren,
fängt er gleich an zu parlieren.

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