Gedicht des Tages

Wygodzki, Stanislaw - Das Fenster (Gedicht des Tages am 20. September)

DAS FENSTER

Irgendwo ein Haus, ein Fenster und dahinter
ein Vorhang, zitternd, halb herabgerissen,
ein Schatten auf der gegenüberliegenden Wand,
und tote, hartnäckige Stille.

Der Schatten aber wie der Vorhang schwankt,
vom Wind in nebliger Dämmerung bewegt,
und wartet in der Stille bis zum Morgen
meines ungeschriebenen Briefes.

Niemandes Hand, niemandes Mund,
den Vorhang rissen Fremde nieder.
Hartnäckige Stille, leere Stube
und sonst nichts mehr.

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Karin Flörsheim - Das Buch (Gedicht des Tages am 19. September)

Das Buch

Das Buch
Das Blatt
Flatternd
Im Wind
Schwanengleich
Segelnd
In die Wolken

Das Buch
Das Wort
Engelhaar
Streift die Zeilen
Mein Sein
In DEINEM Buch
In DEINEM Sein
Das Buch
Das Wort
Der Krieg
Immer und immer
Marschieren die Männer
Ohne das Wort Frieden

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Andreas Peters - Jahreszeiten (Gedicht des Tages am 12. September)

Jahreszeiten

1. September. Die Schule lässt grüßen,

Anna Grigorjewna, die Pädagogin.

Russische Sprache küsste die Lippen,

Babuschkas Ärmel wischen die Augen.

11. September. Da bersten die Türme,

Zwei Kartenhäuser knicksen abgründig.

Kinder von Babylon lispeln so wirre,

Echoverziehen auf Geißelfüßchen.

111. September. Die Herbstzeitenlese.

Raunen der Winde auf ihren Profilen.

Tagundnachausgleiche. Egalite Stimmung.

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joachim schlichte - täuschung (Gedicht des Tages am 11. September)

 

joachim schlichte

täuschung

 

spielend solitär bemerke ich

zu spät

lechzend hautiges bespürst du

zu spät

 

was schon bedeutet welt nebst natur

vor dem

was schon bilder musik literatur

vor dem

 

hinter grundig dumpf dröhnig hämmerndem

wumm

aus klein reifigen tiefgetunten dicken tumben

wumm

 

äh auspuff rohren den dicken mindestens vier –

 

post skriptum

fürchte ich dass diese welt

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Dieter Wöhrle - Herbstkälte (Gedicht des Tages am 10. September)

Herbstkälte

Es ist nun Herbst in ihrem Leben.
Man sieht ihr den Oktober an:
die Augen müde, sie umweben
die Falten, die uns Anlass geben,
zu fragen, wie die Zeit verrann.

Ihr Mann hat früh schon sie verlassen.
Es blieben ihr ein Fließbandjob
und Kinder, noch in Grundschulklassen.
Da hieß es täglich: „Essen fassen!“,
doch fehlte meist der Nachtischdrop.

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Karin Flörsheim - Ängste (Gedicht des Tages am 6. September)

Ängste

Ängste
Wieder gespiegelt
In sternlosen Augen

Soldatenkrüppel
Wachsen
Wie Pilze
In blutigen
Moosen

Waisenkinder
In Gettos
Werfen Steine
Tragen Waffen

Mein Herz liegt
In der Schale
Des Übels
Kann sich nicht
Wehren

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Usula Lange - Herbst am See (Gedicht des Tages am 4. September)

Ursula Lange
Herbst am See

Nebelwände
verstellen den Weg
zurück in den Sommer.
Der suchende Fuß
gleitet ins Nass.

Bleigrau mein See.
Der Himmel hängt tief.
Verlassen das Wasser.
Der Wildentenschwarm
flog lang schon fort.

Alt ist der Herbst.
Gestern noch rissen
wilde Winde das Laub
vom ächzenden Baum.
Nun stirbt es still.

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