Gedicht des Tages

Werner Hardam - Hänschen klein (Gedicht des Tages am 10. August 2010)

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Hänschen klein

Der Junge saß vormittags
allein am Wegesrand,
dort wo die Stadt zu Ende ist.
Niemand wusste, wer er war.  
Er schaute umher, so als
ob er auf jemanden wartete.
Aber alle Leute,
die sich auf der Straße aufhielten,
kannten ihn nicht,
gingen an ihm vorüber.

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Wolfgang Buchhorn - Grenzen (Gedicht des Tages am 9. August)

Grenzen

Grenzenlos-sein
Ein bildloser Traum
Von sehnsuchtsvoller
Anspruchsloser Jugend

Grenzen umgehen
Grenzen überspringen
Aber
Lässt Freiheit zerbröseln
Wie abfallender Stuck

Grenzen wollen erfahren
Durchlitten, gebildet sein
Manchmal schlaflos
Und mit blutig zerkratztem Schrei
Und dann die Begrenzungen
Hassen
Und
Mit einem mutigen Sprung
Sie
In Freiheit
Lassen

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Manfred Schwab - Utopieverbot (Gedicht des Tages am 8. August 2010)

Utopie-Verbot

Als es nur den nackten kalten
Kapitalismus gab
ach wie hofften da die Menschen
auf den wärmenden Mantel des Sozialismus

Als sie den zerlumpten Mantel
des bürokratischen Sozialismus sahen
ach wie hofften da die Menschen
auf den herausgeputzten Kapitalismus

Als der Staatssozialismus eines Tages
seine reale Existenz aufgab
und der Kapitalismus
die Weltherrschaft antrat
wie fuhr da die Hoffnung von Generationen
ach ins finstere Grab

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Ulrike Kleinert - Untersuchung zwecks Ausstellung eines ärztlichen Attestes (Gedicht des Tages am 7. August)

Untersuchung zwecks Ausstellung eines
ärztlichen Attestes

Auf dem Bogen
ein kleines Kästchen,
das auf ein Kreuz wartet:
Krankheit und Behinderung?
Dünn geschrieben, ein Zusatz,
auch infolge von Krieg.

Abgetastet werden,
Mann, Frau, Kind,
als könne ihr Fleisch
alte Schmerzen verraten.
Abgehorcht ihre Brustkörper,
als klinge in ihnen
der Hall von Schüssen.

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Elisabeth Lichter - Spuren (gedicht des Tages am 6. August 2010)

Spuren

Spuren wenn man sie sucht
das Geheimnis der Welt
eine Silbe das Wort

mit Hoffen und Fürchten beschwert
von dem Gang der Zeiten auf weißer Wand
das Wort am Ende des Gastmahls

Wie im Nachtflug die erleuchtete
Stadt taucht auf entschwindet
wieder das Licht in der Dunkelheit

Mehr kommt uns nicht zu
so schwach unsere Augen

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Ulrike Kleinert - Die Nächste (Gedicht des Tages am 4. August 2010)

Die Nächste

Als sie Asylunterkünfte überfielen,
habe ich geschwiegen.
Ich habe kein Asyl beantragt.

Als sie Aussiedler verprügelten,
habe ich geschwiegen.
Ich habe als Deutsche
immer in Deutschland gelebt.

Als sie das Haus
ausländischer Nachbarn anzündeten,
habe ich geschwiegen.
Meine Vorfahren
sind alle deutsch.

Als meine Freundin,
die mit dem behinderten Kind,
Morddrohungen erhielt,
schwieg ich weiter.
Mein Kind ist nicht behindert.

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Wolfgang Bullerdiek - Abgeschrieben (Gedicht des Tages am 2. August)

Abgeschrieben

Abgeschrieben,
die alten Pferde.
Niemand besucht sie
noch
von den erwachsen
gewordenen
Menschenfreunden,
denen sie Wärme gaben
und Freundschaft.

Und sie reiben ihre Köpfe
aneinander
und stehen eng und gemeinsam
in der herbstlichen Sonne.

Und das ist genug.

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Ulrike Kleinert - Die Gespenster (Gedicht des Tages vom 29. Juli) gelesen von Verena Arlinghaus

Die Gespenster

 

Die Gespenster spielen auf,

ihre braunen Jacken

haben sie ausgezogen

und mit T-Shirts vertauscht.

Sie fahren keine Panzer

sondern auf der Datenautobahn,

ihre Aufmärsche zu zweit oder fünft

finden mehr am Biertisch

als in den Straßen statt.

Ihr Lachen zwishen den Zähnen

schimmert perlweiß

 

Sie heban das Gesicht

von Söhnen, Brüdern, Freunden,

Ehemännern

 

Viel von ihnen

schlagen nie zu.

 

Sie spenden nur

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Frauke Baldrich-Brümmer - Keine Nachtmusik (Gedicht des Tages vom 28. Juli) gelesen von Verena Arlinghaus

keine nachtmusik

wir kreisen die nacht ein
stecken den mond in
die tasche lügen die
sterne vom himmel
ein paar müde gewordene
wünsche pflücken wir
kurz vorm traumsuizid

gleiten dann immer
tiefer in eine selbstgestrickte
liebessackgasse die engel
im ausgang kennen unseren
namen nicht

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Jana Jürß - Sommerdepressionen eines Schreiberlings (Gedicht des Tages am 26.7.2010)

Sommerdepression eines Schreiberlings

Der Herbst kommt
Irgendwann
Bestimmt
Lässt er die Blätter bunt
Bald welk werden
Bis sie abfallen
Und von uns zertreten
Werden

Worte, die dann
Nicht geschrieben
Werden gleichsam bereits
Vor dem Abfallen
Zertreten
Von uns

Sommer ist
Noch und
Vor dem Herbst
Bleiben Tage für die Worte
Die traurigen und unvergänglichen
Die ich mitnehmen
Muss
Bis in den nächsten Sommer

(Jana Jürß)

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