Gedicht des Tages

Dieter Wöhrle - Herbstkälte (Gedicht des Tages am 10. September)

Herbstkälte

Es ist nun Herbst in ihrem Leben.
Man sieht ihr den Oktober an:
die Augen müde, sie umweben
die Falten, die uns Anlass geben,
zu fragen, wie die Zeit verrann.

Ihr Mann hat früh schon sie verlassen.
Es blieben ihr ein Fließbandjob
und Kinder, noch in Grundschulklassen.
Da hieß es täglich: „Essen fassen!“,
doch fehlte meist der Nachtischdrop.

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Karin Flörsheim - Ängste (Gedicht des Tages am 6. September)

Ängste

Ängste
Wieder gespiegelt
In sternlosen Augen

Soldatenkrüppel
Wachsen
Wie Pilze
In blutigen
Moosen

Waisenkinder
In Gettos
Werfen Steine
Tragen Waffen

Mein Herz liegt
In der Schale
Des Übels
Kann sich nicht
Wehren

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Usula Lange - Herbst am See (Gedicht des Tages am 4. September)

Ursula Lange
Herbst am See

Nebelwände
verstellen den Weg
zurück in den Sommer.
Der suchende Fuß
gleitet ins Nass.

Bleigrau mein See.
Der Himmel hängt tief.
Verlassen das Wasser.
Der Wildentenschwarm
flog lang schon fort.

Alt ist der Herbst.
Gestern noch rissen
wilde Winde das Laub
vom ächzenden Baum.
Nun stirbt es still.

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Gerhard Butke - Werbung (Gedicht des Tages am 2. September)

Werbung

Investieren Sie
in Immobilienfonds
empfiehlt
im Schaufenster
ein Plakat
farbig hochglänzend

Auf einem Zettel
weiß kariert
an die Wand geklebt
mit Tesakrepp
steht in ungelenker Schrift
Krieg ist Scheiße

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Ulrike Kleinert - Gegen den Krieg (Gedicht des Tages am Antikriegstag 2010)

Gegen den Krieg
Kosovo 1999

Einmal muss ich sterben,  
aber wenn mein Kind,
das doch weiterleben soll,
wenn ich tot bin,
vor mir stirbt, werde ich
schon vorm Sterben sterben.

Viele Kinder sterben
in unzähligen Ländern der Erde,
ihre Mütter, die noch leben,
sind mitgestorben,
bei jedem Kind mitgestorben,
mehr und mehr gestorben.

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Jana Jürß - Vorbei (Gedicht des Tages am 31. August)

Vorbei

Vorbei der Tag
die Stunde vergessen
die es gab
die uns vereint
die uns
hat lieben lernen lassen.

Vorbei der Tag
die Tränen verronnen
die alle spürten
die Freiheit liebten
die uns
zahllos übers Gesicht flossen.

Vorbei die Zweifel
die Unfreiheit vergessen
die uns drückte
die uns fast zermalmte
die uns
am Ende stark machte.

Vorbei der Tag
das Lachen verschluckt
das der Menschen
das des Glücks
das uns
die Mauer einreißen ließ.

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Doris Egger - Fäuste (Gedicht des Tages am 28. August)

fäuste

fäuste
schlagen
trommeln
in wildem stakkato
auf wände ein
wie kugeln aus gewehrläufen schießen
so bearbeiten die geballten fäuste
in rastlosem trommelwirbel die wände

die hände erschlaffen
fallen hernieder wie welkes laub im herbst von den bäumen
unnütz geworden
fast unbrauchbar
nur noch ein fernes sehnen durchläuft die sehnen
ein bewusstsein an andere zeiten
als die schlaffen hände
noch fäuste waren
vor kraft strotzend und stolz
und nun

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Dieter Wöhrle - Klage einer angebrannten Tiefkühlpizza (Gedicht des Tages am 26. August)

Klage einer angebrannten Tiefkühlpizza

Mein angekohltes Hinterteil
sieht nur, wer anhebt mich und steil
von unten auf mich schaut; jedoch
mein Duft in jedem Nasenloch
verrät auch so den Zustand mein:
Bin angebrannt, ganz von allein.

War lang im Ofen, hab geschwitzt,
derweil er vor der Glotze sitzt.
Der Schinken schwarz, der Käse braun,
bin hart und trocken, kaum zu kau’n,
bin hässlich jetzt, mein Reiz ist hin.
Bleib ungegessen, wie ich bin.

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