Gedicht des Tages

Ulrike Kleinert - Untersuchung zwecks Ausstellung eines ärztlichen Attestes (Gedicht des Tages am 7. August)

Untersuchung zwecks Ausstellung eines
ärztlichen Attestes

Auf dem Bogen
ein kleines Kästchen,
das auf ein Kreuz wartet:
Krankheit und Behinderung?
Dünn geschrieben, ein Zusatz,
auch infolge von Krieg.

Abgetastet werden,
Mann, Frau, Kind,
als könne ihr Fleisch
alte Schmerzen verraten.
Abgehorcht ihre Brustkörper,
als klinge in ihnen
der Hall von Schüssen.

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Elisabeth Lichter - Spuren (gedicht des Tages am 6. August 2010)

Spuren

Spuren wenn man sie sucht
das Geheimnis der Welt
eine Silbe das Wort

mit Hoffen und Fürchten beschwert
von dem Gang der Zeiten auf weißer Wand
das Wort am Ende des Gastmahls

Wie im Nachtflug die erleuchtete
Stadt taucht auf entschwindet
wieder das Licht in der Dunkelheit

Mehr kommt uns nicht zu
so schwach unsere Augen

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Ulrike Kleinert - Die Nächste (Gedicht des Tages am 4. August 2010)

Die Nächste

Als sie Asylunterkünfte überfielen,
habe ich geschwiegen.
Ich habe kein Asyl beantragt.

Als sie Aussiedler verprügelten,
habe ich geschwiegen.
Ich habe als Deutsche
immer in Deutschland gelebt.

Als sie das Haus
ausländischer Nachbarn anzündeten,
habe ich geschwiegen.
Meine Vorfahren
sind alle deutsch.

Als meine Freundin,
die mit dem behinderten Kind,
Morddrohungen erhielt,
schwieg ich weiter.
Mein Kind ist nicht behindert.

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Wolfgang Bullerdiek - Abgeschrieben (Gedicht des Tages am 2. August)

Abgeschrieben

Abgeschrieben,
die alten Pferde.
Niemand besucht sie
noch
von den erwachsen
gewordenen
Menschenfreunden,
denen sie Wärme gaben
und Freundschaft.

Und sie reiben ihre Köpfe
aneinander
und stehen eng und gemeinsam
in der herbstlichen Sonne.

Und das ist genug.

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Ulrike Kleinert - Die Gespenster (Gedicht des Tages vom 29. Juli) gelesen von Verena Arlinghaus

Die Gespenster

 

Die Gespenster spielen auf,

ihre braunen Jacken

haben sie ausgezogen

und mit T-Shirts vertauscht.

Sie fahren keine Panzer

sondern auf der Datenautobahn,

ihre Aufmärsche zu zweit oder fünft

finden mehr am Biertisch

als in den Straßen statt.

Ihr Lachen zwishen den Zähnen

schimmert perlweiß

 

Sie heban das Gesicht

von Söhnen, Brüdern, Freunden,

Ehemännern

 

Viel von ihnen

schlagen nie zu.

 

Sie spenden nur

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Frauke Baldrich-Brümmer - Keine Nachtmusik (Gedicht des Tages vom 28. Juli) gelesen von Verena Arlinghaus

keine nachtmusik

wir kreisen die nacht ein
stecken den mond in
die tasche lügen die
sterne vom himmel
ein paar müde gewordene
wünsche pflücken wir
kurz vorm traumsuizid

gleiten dann immer
tiefer in eine selbstgestrickte
liebessackgasse die engel
im ausgang kennen unseren
namen nicht

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Jana Jürß - Sommerdepressionen eines Schreiberlings (Gedicht des Tages am 26.7.2010)

Sommerdepression eines Schreiberlings

Der Herbst kommt
Irgendwann
Bestimmt
Lässt er die Blätter bunt
Bald welk werden
Bis sie abfallen
Und von uns zertreten
Werden

Worte, die dann
Nicht geschrieben
Werden gleichsam bereits
Vor dem Abfallen
Zertreten
Von uns

Sommer ist
Noch und
Vor dem Herbst
Bleiben Tage für die Worte
Die traurigen und unvergänglichen
Die ich mitnehmen
Muss
Bis in den nächsten Sommer

(Jana Jürß)

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Karin Flörsheim - In der Eile (Gedicht des Tages am 22. Juli 2010)

In der Eile

In der Eile
Lebt
Mein Sein
Jeder Schritt
Entfernt vom
Kindsein
Jeder Schritt
Dem Tod
Entgegen

Doch Träume
Der Durst
Des Lebens
Lassen Sterne
Glühen Visionen
Leuchten
Meine Unruhe
Meerhaft werden

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Doeter Wöhrle - Vier Wochen Lebensglück (Gedicht des Tages am 18. Juli 2010)

Dieter Wöhrle
Vier Wochen Lebensglück

Das Leben Kurts war leer und öd.
Er ging den Leuten auf die Pelle.
Sie fanden auch sein Hobby blöd:
die neuen Eisenbahnmodelle.

Er wohnt´ bei Muttern, Hinterhaus.
Das konnte kaum ihn inspirieren.
Und abends dann, im „Treff“, bei Klaus,
blieb nur, die Barfrau anzustieren.

Doch plötzlich wie ein Donnerhall
zerstob die triste Langeweile.
Das Leben hatte Sinn: Ein Ball
trieb Kurts Adrenalin zur Eile.

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