Gedicht des Tages

Wendelin Mangold: Aus der Ferne (Gedicht des Tages)

Wendelin Mangold

AUS DER FERNE

Je weiter man weg
von der japanischen Tragödie,
desto kleiner der atomare Herd,
und in der Höhe von einigen Kilometern
verschwindet er ganz, wes Wunder,
dass Gott das nicht sieht, wo
er doch meilenweit entfernt.

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Luisa Maureen Chilinski - Erinnerung (Gedicht des Tages)

Erinnerung

So schnell
fließt die Erinnerung
den Abfluss hinunter
grau-blasse Brühe
bedeckt als
emotionsloser Schleier den Asphalt

Bilder bleiben nur noch
tonlos im Kopf
zerrissene Fetzen
schweben unbemerkt
zu Boden

Hohl schallt die Stimme
gegen die Wände im Kopf
entferntes Echo
flieht
im leiser werdenden Klopfen
hinaus

Wenn Quellen versiegen
Bäche sich leeren
Wellen sich töten
Rauschen verstummt

dann haben wir uns vergessen

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Gabor Paál - Pädagogik (Gedicht des Tages)

Pädagogik

Es sind Unterschiede, die bewegen
die Unterschiede machen
die Ahnungen anregen

die vermitteln, was wichtig
ist zu können, zu verstehen
und das möglichst auch richtig.

Dazu geben wir die Räume
lassen wissen, fühlen, ausprobieren
pflanzen und hegen zarte Bäume

an denen Sinn und Werte wachsen
fürs Klare, Echte, Spannende
als tragende stabile Achsen.

Machen wir aus ihnen Meister
wenn sonst noch nicht, so doch im Lernen
bringen Schönheit in die kleinen Geister

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Semra Basdemir - schwer und leicht (Kinder und Jugendliche melden sich zu Wort)

 

SCHWER UND LEICHT

Manchmal fühle ich
Mich einsam
Weiß nicht wohin

Bin ich hier
Hier in Deutschland
Richtig

Oder will ich zurück
In meine Heimat
Ich weiß es nicht

Das Leben in Deutschland
Es ist schwer und leicht
Ich lebe hier

Ich gehe hier
In eine Schule
Werde als Ausländerin bezeichnet

Bedeutet es
Dass ich mich
Nicht integriert habe

Ich habe hier viele Rechte
Die Frauen und Männer
Sind gleich

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Dieter Wöhrle - Ballade von der Giftspritze

Ballade von der Giftspritze

Nachdem sie schlecht die Nacht geschlafen hat,
erscheint sie morgens böse, unzufrieden.
Ihr Gift macht sie und die Belegschaft satt.
Sie spritzt es aus. Das hat sie so entschieden.

Am Arbeitsplatz beginnt sie auch sogleich
zu hetzen gegen den Kollegen Krause.
Sie zetert, giftet, die ihr zuhör´n, weich.
Der so Beschimpfte ist nicht da, hat Pause

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Jenny Schon - Heiliger Abendspaziergang (Gedicht des Tages)

Heiliger Abendspaziergang

Einzig unter
Den beutelträgern des heiligabends
Keinen beutel mit geschenken
Tragend schlüpfe ich
Am bahnhof grunewald in das
Blattlose dickicht mehltaunebel
Aus moderndem Laub
Aufsteigend bis zu den ersten
Zweigen hexenhäuschen
Mit puderzucker bestreut wie in
Kindertagen die wildschweine haben
Sich ins gestrüpp geflüchtet
Der schnee taut und pfützen spitzen auf

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