Gedicht des Tages

Stanislaw Wygodzki: Statistik (Gedicht des Tages)



 

STATISTIK

Auch dich vermerken Statistiken karg
in der Zahl der Vermißten.
– Vor mir Diagramme, Ziffern und Listen.
Ich seh’ einen Sarg.

In Millionen von Kindern, des Lebens beraubt,
auch du einbezogen.
– Und nachts mein Schatten, schwarz und verbogen
mit hängendem Haupt.

Gezählt auch du in der Summe der Qualen
durch Krieg und Brand.
– Ein fahriger Schatten, steh ich gebannt,
vereist über Zahlen.

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Brigitte Spreitzer Wie oft muss ich die Hände (Gedicht des Tages gelesen von Simak Büchel)

Spreitzer, Brigitte: Rief es nicht

 

Wie oft muss ich die Hände
ins Gletschermeer tauchen bis
sie an Dich rühren dürfen?
Wie viele Mal den Mund
ans Eis legen bis
er durchschmilzt zu Dir?
Du weißt
ich bin längst auf dem
Weg ins kristallene Schweigen
Genährt nur vom
Weiß zwischen Dir und mir.

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Rombach, Gerhard: Sie werden uns anklagen (Gedicht des Tages)

Sie werden uns anklagen

 

Einmal wird man sagen

sie haben es kommen sehen

und nichts getan

 

Sie haben gewusst

die Katastrophe würde kommen

und haben nichts getan

 

Einmal wird man sagen

sie hätten es

abwenden können

 

Damals als die Wälder

grün waren und Schnee

die Berge bedeckte

 

Doch sie haben nichts getan

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Sigune Schnabel - Skulptur (Gedicht des Tages)



Ich habe um meine Haut
eine Schutzmauer gebaut.
Doch sie meißelten mein Gesicht
in Stein und schlugen
in die Lachfalten ihre Träume hinein.

An die Wand pflanzten sie emsig Rosen.
Als sie verblühten,
tropften Hagebuttensäfte
durch die Risse im Relief.

Ein Schleifstein schlug in ihrer Brust,
der jede Ecke, jede Kante von mir wetzte
und sie im sichren Glauben ließ,
er glätte meine Form.



 

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Ulrike Wieters-Wilcke - flucht (Gedicht des Tages)

Ulrike Wieters-Wilcke, Elsfleth

flucht

 

 

in windeseile

hals über kopf

nur ja schnell fort

aus diesem ewigen heute

 

das eigene leben packen

und mit ihm reisen

weit weg nach nirgendwo

 

nur um dann – endlich –

im morgen angekommen

vom ewigen gestern dort

erneut begrüßt zu werden

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Manfred Schwab - Nächtliche Bahnfahrt

Manfred Schwab

Nächtliche Bahnfahrt nach Polen
(für Krystyna Szlaga)

Die Verladung in Nürnberg klappt reibungslos
Mit dreihundert Leuten vollgestopft
Männern Frauen Kindern
verläßt der Sonderzug pünktlich
die Reichsparteitagsstadt

Irgendwann in der Nacht
werden die Pässe eingesammelt
irgendwann in der Nacht
Grenzen passiert
Neben mir der fremde Mann
röchelt und stöhnt im Schlaf
Die Kinder atmen ruhig
Irgendwann durchkämmen
Uniformierte den Zug

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